Nach zweiwöchigen Verhandlungen und mit 24 Stunden Verspätung ist im polnischen Kattowitz die UN-Klimakonferenz zu Ende gegangen. Was das verabschiedete sogenannte Regelbuch taugt, wird sich allerdings erst weisen.

In der Tat ging es um viel. „Schliesslich wird der Klimavertrag ab 2020 eine gigantische Geldumlagerung von reich zu arm antreiben“, schreibt Martin Läubli auf tagesanzeiger.ch. Hunderte Milliarden an öffentlichen und privaten Geldern werden in den nächsten Jahren in die globale «Klimaindustrie» fliessen. Das Reglement von Katowice ist, meint Läubli, „eine verbindliche Verordnung für ein glaubwürdiges System, um den Erfolg der Investitionen in den Klimaschutz für jedes einzelne Land kontrollieren zu können.

Noch keine robusten Regeln gibt es allerdings für den Emissionsmarkt, der mit Emissionsrechten handelt. Während die Schweiz sich für strenge Regeln eingesetzt hat, damit die künftigen Investitionen in ausländische Klimaprojekte sinnvoll eingesetzt, kontrolliert und korrekt für die einzelnen Ländern verbucht werden können, versuchte Brasilien einen faulen Trick durchzusetzen: Sowohl das Verkäufer- wie das Käuferland sollten die Zertifikate als Reduktion verbuchen können.  Aus einer real eingesparten Tonne COwürden durch den buchhalterischen Zaubertrick dann plötzlich zwei Tonnen. Die diplomatische Lösung dieses schwierigen mathematischen Problems wurde auf die Klima-Konferenz im nächsten Jahr verschoben. «Die Gefahr ist grösser denn je, dass wir keine oder völlig unbrauchbare Regeln für den Handel mit Zertifikaten haben werden», zitiert Läubli den Schweizer WWF-Vertreter Manuel Graf.

Die Klimakonferenz, so Läubli, habe vor allem auch das tiefe Misstrauen der Staaten untereinander offengelegt. Trotzdem habe Umbau der globalen Energieversorgung unumkehrbar begonnen hat; Städte, Unternehmen und Banken seien gewillt, Milliarden zu investieren.

Demgegenüber jubelt der deutsche Spiegel unter dem enthusiastischen Titel „Die Weltgemeinschaft schafft Drehbuch für die Weltrettung“, das Ergebnis der Klimakonferenz sei ein „juristischer Coup“, ein grosser Erfolg der Delegierten aller Länder: Es seien Normen geschaffen worden, die eine Dynamik entfachen dürften, der sich kaum ein Land entziehen könne, das in der Weltgemeinschaft respektiert werden will.“Das geschieht wesentlich durch das Prinzip des „Naming and Shaming“, also des „Nennens und Beschämens: Verantwortliche Staaten werden öffentlich benannt und für Verstöße angeprangert.“ Dass es einigen der grössten Klimasündern so ziemlich egal ist, was andere Länder von ihnen denken, scheint der Spiegel-Korrespondent in seiner flammenden Begeisterung völlig vergessen zu haben.

Was sowohl Martin Läubli auf tagesanzeiger.ch wie auch der Spiegel kaum erwähnen, ist, dass es bei diesem Gezerre und Gefeilsche fast ausschliesslich um Regeln, um die Formulierung von Transparenz- und Kontrollmechanismen ging, damit die Länder sich nicht permanent gegenseitig übers Ohr zu hauen versuchen. Und fast noch mehr ging es um Finanzen, genauer darum, wie die reichen Staaten möglichst günstig Klimaprojekte in aller Welt finanzieren können, um im eigenen Land selber möglich wenig für den Klimaschutz tun zu müssen. Worum es an der Klimakonferenz offenbar am wenigstens ging, war die Frage, wie man denn eigentlich konkret die CO2-Emissionen in den kommenden zehn Jahren halbieren und in den kommenden dreissig Jahren völlig auf Netto-Null herunterbringen will. (CR)

https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/klimaschutzregeln-verabschiedet-ein-punkt-bleibt-ungeloest/story/18173639
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/un-klimakonferenz-weltgemeinschaft-schafft-drehbuch-fuer-die-weltrettung-a-1243900.html