„Die Energiewende erleidet einen Rückschlag“, heisst es auf der Frontseite des Tages-Anzeigers. Der Titel des Artikels, auf den der Frontanriss hinweist, klingt dann schon etwas weniger dramatisch: „Zweifel an der Energiewende“. Recht eigentlich geht es darum, dass der Wasserwirtschaftsverband (SWV), dessen Präsident Albert Rösti auch Parteipräsident der SVP ist, daran zweifelt, dass die Energiestrategie 2050 eine „angemessene Inlandproduktion“ gewährleisten kann. Die gleichen Zweifel hatte am 11. Februar auch die Ständerats-Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (Urek-SR), deren Präsident der SVP-Nationalrat Roland Eberle ist, der auch Verwaltungsrat beim Energieversorger Axpo ist. Die Urek hat deshalb am 11. Februar beschlossen, eine Motion einzureichen „betreffend die langfristige Stromversorgungssicherheit der Schweiz“. Übrigens: Sowohl Rösti wie Eberle sind vehemente Gegner der Energiestrategie 2050. (Der SWV war allerdings im Gegensatz zu seinem Präsidenten Rösti im Abstimmungskampf für die Energiestrategie 2050.)

In der Tat steht aber die Energiepolitik der Schweiz vor einer riesigen Herausforderung: der schrittweise Atomausstieg und der bis jetzt doch sehr zögerliche Ausbau erneuerbarer Energien, die ungeklärte Teilnahme am EU-Strombinnenmarkt und der absehbare Kapazitätsabbau im nahen Ausland, etwa in Deutschland, müssen kompensiert werden. Gemäss Energiestrategie 2050 sollen Wasserkraftwerke und die Erneuerbaren die entstehende Atomstrom-Lücke von 19’500 Gigawattstunden (GWh) füllen. Die Wasserkraftwerke, die heute fast 60 Prozent der Schweizer Stromproduktion ausmachen, sollen bis 2035 pro Jahr 1’500 GWh mehr liefern als als heute, die Erneuerbaren (Sonne, Wind, Biogas, Kehrichtverbrennung etc.) gar 7’746 GWh mehr., also das Dreifache von heute. Dennoch bleibt eine „Lücke“ von 10’230 GWh bestehen, die durch Stromimporte, Energieffizienzmassnahmen etc. überwunden werden soll.

Die Wasserwirtschaft will vor allem den Gewässerschutz lockern

Aber, so referiert der Tages-Anzeiger, selbst die Wasserkraftwerke werden in Zukunft womöglich weniger Strom produzieren, weil das Gewässerschutzgesetz höhere Restwassermengen vorschreibt und die Neukonzessionierungen höhere Kosten verursachen wird. Der Tages-Anzeiger bezieht sich da weitgehend auf einen Aufsatz in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Wasser Energie Luft“ des SWV. Der Verband rechnet mit einer Verringerung der Wasserstromproduktion von 6 bis 17 Prozent. Um diese Einbusse zu kompensieren, müssten die Wasserkraftwerke ihre Produktion bis 2050 um weitere 2’300 GWh steigern, Das entspräche laut Tages-Anzeiger rund 50 mittelgrossen Wasserkraftwerken.

Solche „Milchbüechlirechnungen“ sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen, insbesondere, wenn sie von direkt betroffenen Interessengruppen lanciert werden. Aber auch deshalb, weil solche Rechnungen zahlreiche Faktoren nicht berücksichtigt oder berücksichtigen kann, weil sie von unvorhersehbaren Ereignissen, politischen, wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen abhängig sind.

Der Bundesrat zumindest scheint laut Tages-Anzeiger die Einschätzung des SWV nicht zu teilen. Das Bundesamt für Energie wird im Juni eigene Zahlen vorlegen und bis im kommenden Jahr die Energieperspektiven aktualisieren. Anderer Meinung als der SWV sind auch die Naturschützer: «Die Energiewende ist ohne Abstriche beim Gewässerschutz machbar», zitiert des Tages-Anzeiger eine Sprecherin von WWF Schweiz. Die grossen Potenziale lägen beim Solarstrom und bei der Energieeffizienz. (CR)