Nachdem die NZZ knapp vor dem Streiktag die jugendlichen Klimaschützer vor linksextremen Brandstiftern zu beschützen versuchte, wollte der Tages-Anzeiger sie wenigstens vor ihrer eigenen Naivität warnen.

Da der Tages-Anzeiger im Gegensatz zur NZZ gern seine journalistische Ausgewogenheit plakatiert, kam vor dem grossen Zeigefinger gegenüber der Klimabewegung zuerst eine in der Tat kuriose Episode mit dem Zürcher FDP-Ständerat und Klimapolitiker Ruedi Noser zur Sprache, der als Gast bei Roger Schawinski, bewies, dass er noch nicht einmal bei den bekanntesten Fakten der Schweizer Klimapolitik so richtig sattelfest ist.

Dass auch Stefan Häne, sonst einer der kompetentesten Umweltjournalisten der Schweiz, einmal in Fahrt gekommen, sich aus der Kurve tragen liess, erstaunt dann doch ein wenig. Um seine Kernthese zu belegen, dass das Bekenntnis zum Klimaschutz derzeit über allem stehe, die drängenden Fragen, die sich daraus ergeben, aber kaum jemanden interessiere, knüpfte er sich dann ausschliesslich die Klimabewegung vor. So sei die Forderung der „Teenager“ nach einem Klima-Notstand nicht nur reichlich unscharf, sondern gar völlig daneben gegriffen. „Würde tatsächlich ein Notstand herrschen“, meint er, „also eine schwerwiegende Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, bräuchte es drastische Gegenmassnahmen wie etwa umgehende Flugverbote, Verbote für Benzin- und Dieselautos, für Öl- und Gasheizungen und nicht zuletzt für alltägliche Produkte wie Smartphones, in denen viel graue Energie steckt.“ So radikale Massnahmen aber wolle niemand, nicht einmal die Jugendlichen selbst, wie eine repräsentative Umfrage im Blick bewiesen habe.

An dieser Argumentation ist einiges ziemlich falsch. So ist völlig unbestritten, auch von der Klimabewegung, dass Klima-Notstand nicht im juristischen Sinn zu verstehen ist, sondern ein Bündel von konkreten Forderungen an die Politik meint, auf die sich die Klimastreik-Bewegung geeinigt hat. Und die Blick-Umfrage fragt nicht nach diesen konkreten Massnahmen, sondern evaluiert ein eher allgemeines momentanes Stimmungsbild der Blick-Leserinnen und -Leser.

Noch viel mehr erstaunt, dass Häne gegenüber den Klimaschützern jenes Killer-Argument hervorkramt, das sonst bloss die gehässigsten Leserbriefschreiber, Roger Köppels Weltwoche und der in der Arena herumpolternde SVP-Hardliner Claudio Zanetti gegen die Klimabewegung anführen: Wer nicht selber strikt klimaneutral lebe, soll gefälligst schweigen. Häne ist offenbar entgangen, dass es der Klimabewegung nicht um individuelle Heiligenscheine geht, sondern darum, dass die Politik endlich jene Massnahmen ergreift, die dafür sorgen, dass die Ziele des Klimaabkommens auch erreicht werden. (CR)