Endlich wissen wir es: Wer sich für einen wirksamen Klimaschutz einsetzt, ist entweder traumatisiert, opportunistisch oder dumm. Diese Einsicht verdanken wir dem Ökonomen Hans Rentsch, der als einer der permanenten Gastautoren der NZZ die Fraktion der Klimaskeptiker vertritt. Weil die „politische Schweiz durch graue und schwarze Listen internationaler Organisationen traumarisiert ist“, erklärt Rentsch, wird sie auch „Verpflichtungen mustergültig umsetzen, wo es gar keine Listen gibt: So zum Beispiel in der Klimapolitik.“ Dass es auch vernünftigere Gründe gibt, die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens umzusetzen, passt offenbar nur schlecht in die libertäre Gedankenwelt des ehemaligen Avenir Suisse-Mitarbeiters. Opportunistisch sind laut Rentsch derzeit sowieso alle von links bis rechts, schliesslich ist Wahlkampfzeit.

Und ganz schön dumm ist, wer nicht begreift, dass es schon deshalb keinen Grund gibt für eine ambitioniertere Klimapolitik, weil die Schweiz beim CO2-Ausstoss pro Kopf laut Rentsch zu den Besten in Europa gehört. Das allerdings bloss auf dem Papier. Zählt man die sogenannte „graue Energie“ dazu, also jene viele Millionen Tonnen CO2, die zwar im Ausland anfallen, aber letztlich in der Schweiz „verbraucht“ werden, dann figuriert die Schweiz auf einem der hinteren Schlussränge.

Treibhausgasemissionen reduzieren – nur nicht in der Schweiz

Auch sonst sind Rentschs Argumente mehr Propaganda als Denkanstösse. Dass die links-grünen Parteien sich dagegen wehren, die CO2-Emissionen vorwiegend im Ausland zu kompensieren, also mehrheitlich auf dem Buckel der Entwicklungs- und Schwellenländern, ist für Rentsch bloss ein „Tatbeweis korrekter Öko-Gesinnung“. Sein Gegenargument: „CO2-Reduktion im Inland ist viel teurer als im Ausland. (…) Wer ein Reduktionsprojekt im Inland wählt, bezahlt rund vier Mal mehr als für eine Auslandkompensation.“ Dass dies noch lange so bleibt, ist allerdings wenig wahrscheinlich. Wenn diese Länder ihre „billigsten“ Reduktionsmöglichkeiten ins Ausland verkauft haben oder sie selbst benötigen, um ihre eigenen Inlandziele zu erreichen, werden die Kompensationsprojekte für die Schweiz schnell sehr viel teurer werden. Und parallel dazu muss die Schweiz dann auch ihre bloss aufgeschobenen „Hausaufgaben“ im Inland erledigen – denn die in der Schweiz anfallenden Emissionen verschwinden ja nicht einfach, wenn im Ausland kompensiert wird.

Auf ebenso wackeligen Beinen steht auch Rentschs Plädoyer für die Anbindung der Schweiz an das Handelssystem der EU (EU-EHS). Dies würde, so sein Argument, „alle weiteren teuren CO2-Sparanstrengungen überfüssig machen.“ Schön wär’s. Denn der europäische Zertifikatehandel umfasst nur einige wenige, besonders treibhausgasintensive Branchen wie Zement, Chemie und Pharma, Raffinerien, Papier, Fernwärme und Stahl – in der ganzen EU rund 11’000 Unternehmen. Insgesamt deckt das Handelssystem gerade mal 45 Prozent der Treibhausgasemissionen in der EU ab. Dem schweizerischen System, das an das europäische angekoppelt werden soll, unterstehen 37 Unternehmen mit 55 Produktionsanlagen, sie sind für knapp 10 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in der Schweiz verantwortlich. Wohin die restlichen 90 Prozent ohne zusätzliche Sparanstrengungen verschwinden, bleibt vorderhand Rentschs Geheimnis. Auch verschweigt er, dass das europäische Handelssystem bisher weitgehend wirkungslos geblieben ist, weil es trotz anziehenden Zertifikatpreisen zu wenig Anreiz für die Unternehmen bot, ihre Emissionen wirksam zu reduzieren. (CR)