Seit Wochen gehen die Bilder von riesigen „Waldbränden“ in der Arktis um die Welt. Zwar sind Wald- und Tundrabrände in der Arktis kein neues Phänomen, schreibt der Tages-Anzeiger, in diesem gewaltigen Ausmass wie dieses Jahr sind sie aber laut Klimawissenschaftern „beispiellos“.

Satellitenbilder des Erdbeobachtungsprogramms Copernicus zeigen, dass derzeit Torfschichten über dem Permafrostboden auf mehr als 100’000 Hektaren brennen. Wie auch die FAZ meldet, sollen durch diese Brände allein im Juni 50,7 Megatonnen CO2 in die Atmosphäre gelangt sein, . Bis zum 21. Juli könnten weitere 52 Megatonnen dazu gekommen sein. „Es handelt sich wohl um den größten Brand, den der Planet je erlebt hat.“

Unterschätzte Rückkoppelungsprozesse

Laut Mark Parrington vom europäischen Mittelfrist-Wettervorhersagezentrum ECMWF lagen die Temperaturen in den arktischen Gebieten, in denen Feuer ausbrachen, bis zu zehn Grad Celsius über der Durchschnittstemperatur aus den Jahren 1981 bis 2010. Die Brände setzen überdies eine Reihe gefährlicher Rückkoppelungen in Gang: Die Klimaerwärmung bewirkt eine zunehmende Austrocknung der riesigen Torfmoore, was wiederum die Ausbreitung der Brände antreibt. Verstärkt wird diese Rückkoppelung noch zusätzlich, weil der verkohlte, dunkle Boden mehr Sonnenlicht absorbiert als umverbrannte Erde. Auch das durch die Klimaerwärmung angetriebene Schmelzen der arktischen Gletscher setzt einen Rückkoppelungs-Kreislauf in Gang: Die hellen Gletscherflächen reflektierenden einen grossen Teil des Sonnenlichts, schmelzen sie weg oder werden dunkler von der Asche und dem Russ der Waldbrände, absorbieren diese Flächen ebenfalls mehr Sonnenenergie und treiben die Erwärmung der Atmosphäre weiter an.

Was geschieht, wenn die riesigen Methanvorkommen im Permafrost auftauen?

Dazu kommt: In den arktischen Tundragebieren, im Permafrost lagern gewaltige Methanvorkommen. (Methan kommt zwar in der Atmosphäre in sehr viel kleinerer Konzentration vor, ist aber (sozusagen pro Molekül) ein 25 mal stärkeres Treibhausgas als CO2.) Wissenschafter schätzen die im nördlichen Permafrost gespeicherte Menge an Methan und CO2 (beides sind Kohlenstoffverbindungen) auf etwa 1000 Gigatonnen Kohlenstoff, nach neueren Schätzungen sogar auf 1672 Gigatonnen; das wäre rund die Hälfte des weltweiten Kohlenstoffs im Boden.

Gerade die grossen Unsicherheiten über diese Schätzungen bereiten den Wissenschaftern extrem Probleme. Sie stellen erneut die Frage, wie groß das verbleibende CO2-Budget überhaupt noch ist, dass die Menschheit emittieren kann, wenn sie die Erderwärmung auf 1,5 Grad oder wenigstens deutlich unter zwei Grad begrenzen will. Bisher rechnete der Weltklimarat in seinem 1,5-Grad-Sonderbericht mit einem verbleibende CO2-Budget ab 2018 auf 420 Milliarden Tonnen, wenn die Erderwärmung mit einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad begrenzt werden soll. Die von Wissenschaftern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) soeben in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie kommt zum Schluss, dass die Wirkung dieser Rückkoppelungen auf das verbleibende CO2-Budget durchaus grösser sein könnte. „Das bedeutet, dass unser Spielraum noch kleiner sein könnte, als wir dachten“, erklärt der Studien-Mitautor Elmar Kriegler gegenüber der Online-Plattform Klimareporter. Die Studie veranschlage deshalb die CO2-Menge, die deswegen vorläufig vom Budget abzuziehen wäre, auf mindestens 100 Milliarden Tonnen.

Vielleicht haben wir noch weniger Zeit

Dass die Abschätzungen des CO2-Budgets noch mit so grossen Unsicherheiten behaftet sind, hält der deutsche Klimaforscher Hartmut Graßl klimapolitisch nicht für nachteilig. Im Sinne des Vorsorgeprinzips müsste eine höhere Unsicherheit die Politik eigentlich zu stärkerem Handeln bewegen, zitiert ihn das Klimareporter-Portal.

In der Frankfurter Rundschau schreibt Verena Kern, die Stellvertretende Chefredaktorin von Klimareporter.“ Von heute aus betrachtet scheint der IPCC-Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel vom letzten Oktober also geradezu optimistisch zu sein. Wenn die Schülerinnen und Schüler in einigen Wochen aus den Sommerferien zurück sind, haben sie noch mehr Grund, mehr Tempo beim Klimaschutz zu fordern. (…) Viel spricht dafür, dass ihre Forderungen noch immer nicht radikal genug sind, weil die Zeit sogar noch knapper ist.“ (CR)