Seit 40 Jahren warnt die Wissenschaft, seit 30 Jahren wird diskutiert und verhandelt, seit über einem Vierteljahrhundert gibt es verbindliche internationale Abmachungen. Trotzdem gehen die globalen CO2-Emissionen nicht zurück. Einmal mehr warnt die Wissenschaft, dieses Mal die Deutsche Akademie der Wissenschaft, die Vereinigung der klügsten Köpfe Deutschlands. Ihr dringlicher Appell an Politik und Öffentlichkeit, endlich ernsthaft vorwärts zu machen, ihre Vorschläge für eine neue Klimapolitik der grossen, schnellen Schritte, könnten auch in der Schweiz als Wegweiser dienen.

Natürlich gibt es auch hierzulande noch einige selbsternannte Geistesgrössen, die es besser wissen als sämtliche Wissenschaft, die sogar versuchen, mit einem unsorgfältig zusammengeschriebenen Heftchen als „Lehrmittel für die Schule“ den läppischen Nachweis zu erbringen, dass das mit dem Klimawandel alles bloss dummes Gerede und Teufelszeug korrupter Wissenschafter sei. Und es gibt auch hierzulande noch ein paar Parteien, die zwar nicht gegen ein bisschen Klimaschutz sind, aber bloss solange er nichts kostet und ihnen neue Wähler bringt.

Und es gibt auch hierzulande immer noch einige grosse sogenannte Qualitätsblätter, deren Wissenschaftsredaktoren sehr kompetent jeden neuen Temperaturrekord, jedes Hitzewelle, jede Katastrophe im fernen Indien oder in der Arktis rapportieren und zugleich paternalistisch den jungen Klimaaktivisten auf die Pfoten hauen, welche die Nase voll haben, dass immer nur geredet und viel zu wenig getan wird, damit sie in zwanzig, dreißig Jahren nicht in einer Welt leben müssen, in denen verheerende Klimakatastrophen auch hierzulande zum Alltag gehören.

Dass die Leopoldina, wie die Nationale Akademie der Wissenschaften in Deutschland heisst, sich mit einer Adhoc-Stellungnahme an Öffentlichkeit und Politik wendet, ist ungewöhnlich und unterstreicht die absolute Dringlichkeit, welche die führenden Wissenschafter Deutschlands der Klimaerhitzung beimessen. Ein Grund dafür ist sicher, dass die deutsche Bundesregierung sich mit ihrem Klimakabinett wieder einmal sehr viel Zeit lässt, um vielleicht im Herbst zu einem ersten Entwurf für ein Klimaschutzgesetz zu kommen. Am Klimagipfel vom 23. September, zu dem UN-Generalsekretär António Guterres die Regierungen mit einem fast flehentlichen Appell eingeladen hat, wird Deutschland jedenfalls nur ein Bündel vager Massnahmen ankündigen. Auch die Schweiz wird – vier Jahre(!) nach dem Pariser Klimaabkommen – noch keine einzige verbindliche Zusage machen können.

Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren

In der Adhoc-Stellungnahme machen die Mitglieder der Arbeitsgruppe, darunter als einziger Ausländer der renommierte Berner Klimawissenschafter Thomas Stocker, klar, warum es so pressiert: Neue Forschungen zeigen, dass die Klimaerhitzung wahrscheinlich sehr viel schneller abläuft als bisher erwartet. Die Ziele des Pariser Klimaabkommens von 2015, so heisst es in der Stellungnahme, sei „nur noch zu erreichen, wenn sofort sowohl nationale wie auch internationale Vereinbarungen eingehalten werden. Schäden durch Abschmelzen von Schnee und Eis, Anstieg des Meeresspiegels, Ausweitung von Trockenzonen, Extremwetter und steigender Verlust von Artenvielfalt und Lebensräumen an Land und im Meer können nur noch durch erhebliche und bereits in den kommenden zehn Jahren wirksame Anstrengungen begrenzt werden. Ansonsten werden große Regionen der Erde nicht mehr bewohnbar sein. (…) Bei uns und weltweit wächst zudem der Generationenkonflikt darüber, dass wir heute die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Kindeskinder aufbrauchen.“

Die Stellungnahme dokumentiert nicht bloss klar, eindeutig und unverblümt das eklatante Versagen der deutschen Bundesregierung. Sie skizziert vor allem auch sehr präzis, was denn sofort unabdingbar zu tun sei, wenn die Pariser Klimaziele noch irgendwie erreicht werden sollen:

Ohne wirksam hohen CO2-Preis schaffen wir die Wende nicht

Erstens: Kernelement für den geforderten „unmittelbaren Transformationsschub“ ist ein einheitlicher und sektorübergreifender Preis für alle Treibhausgasemissionen“, also für Energiewirtschaft, Industrie und Landwirtschaft ebenso wie für Gebäude (Brennstoffe), für den Strassen-, Luft- und Schiffsverkehr. Und dieser Preis muss nicht nur von Anfang an massiv teurer sein als der aktuelle Preis im europäischen Emissionshandel von rund 25 Euro pro Tonne CO2. Und er wird in den kommenden Jahren noch weiter stark ansteigen müssen, wenn die Pariser Klimaziele erreicht werden sollen. In welche Form der CO2-Preis erhoben wird, ob als Steuer oder im Zertifikatehandel, lässt die Stellungnahme offen.

Zweitens: Ein CO2-Preis allein genügt aber nicht, um eine umfassende Verhaltensänderung zu erreichen. Entscheidend ist, dass „die Einnahmen aus dem CO2-Preis transparent reinvestiert werden.“ Teilweise als „Klimadividende“ für sparsame CO2-Verbraucher, vor allem aber auch für die Absenkung des Strompreises, für konkrete Klimaschutzprojekte, für den Ausbau der notwendigen Infrastruktur (Stromleitungen, Speichersysteme, Logistik) sowie in (nicht näher definierte) „Allgemeingüter“.

Diese beiden Forderungen decken sich ziemlich genau mit den Forderungen des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, den sogenannten Wirtschaftsweisen, dem wichtigsten Beratergremium für die Bundesregierung in Wirtschaftsfragen.

Nichtstun ist am teuersten

Drittens: Ebenso wichtig ist eine umfassende Information und Kommunikation. „Die Bevölkerung muss zum Erfolg beitragen können“, schreibt die Arbeitsgruppe. „Die klimatischen Veränderungen und deren Folgen werden mit aller Wucht erst nachfolgende Generationen betreffen. Deshalb kann eine Veränderung des Verhaltens der jetzt lebenden Generationen nur durch rationale, analytische Einsichten in Gang gesetzt werden. (…) Wissenschaftliche Aufklärung muss daher eine realistische und wissenschaftsbasierte Problemwahrnehmung in allen Bevölkerungsgruppen befördern.“ Dazu gehört, sinngemäss zusammengefasst, dass man der Bevölkerung reinen Wein einschenkt, dass die Klima- und Energiewende nicht zum Nulltarif zu haben ist, sondern uns alle teuer zu stehen kommt. Am teuersten wäre allerdings das Nichtstun. Allein die Nichteinhaltung der europäischen Klimaziele koste Deutschland nach EU-Recht bis 2030 bis zu 62 Milliarden Euro, ohne dass dafür eine einzige Tonne CO2 weniger emittiert würde. Dazu kommen gewaltige Kosten für die später massiv zunehmenden Schäden und für Reparatur- und Anpassungsmassnahmen.

Viertens: Zu den dringlichsten Massnahmen gehören nach Ansicht der Wissenschafter unter anderem, dass das Energiesystem dezentralisiert wird, dass sehr viel mehr in erneuerbare Energien investiert, das Stromnetz modernisiert und intelligent vernetzt wird. Der Verkehr, vor allem der öffentliche, soll weiter elektrifiziert und auf die Schiene verlagert werden. Intelligente Mobilität soll die Bürger animieren, auf einen eigenen Pkw zu verzichten etc. ,Die Liste ist lang, aber: „Mit unseren bestehenden Technologien könnten wir unsere Emissionen um 80 Prozent reduzieren, und es würde gar nicht so wehtun“, meint der Geologe Gerald Haug, einer der Sprecher der Arbeitsgruppe, in der „Zeit“.

Von den geforderten Massnahmen profitieren die Wirtschaft und die ganze Bevölkerung

Fünftens: So gross diese Aufgaben auch erscheinen, so sind die Wissenschafter dennoch erstaunlich optimistisch. „Die Bereitschaft der Bevölkerung, Entscheidungen zum Klimaschutz mitzutragen, war noch nie so gross wie heute.“ Es bestehe heute „die einmalige Chance, die politischen und gesellschaftlichen Weichenstellungen für die nachhaltige Transformation in die Wege zu leiten und so die Lebensqualität für jetzige und zukünftige Generationen zu erhalten.“ Die notwendigen Investitionen böten auch für die Wirtschaft grosse Chancen für klimafreundliche Innovationen im Bereich erneuerbarer Energien, der Modernisierung des Stromnetzes oder der Speichertechnologien. „Arbeitsplätze und eine prosperierende Industrie werden nicht durch Protektion veralteter Technologien und Wirtschaftsstrukturen erhalten oder geschaffen.“ Und schliesslich werde die gesamte Bevölkerung von modernen und besseren Infrastrukturen profitieren. (CR)