Was wir schon ahnten: Die CO2-Emissionen des Verkehrs, die mit rund 30 Prozent den grössten Anteil aller Treibhausgasemissionen der Schweiz ausmachen steigen anstatt wie vorgeschrieben zu sinken. Das liegt vor allem an den Käufern von Neuwagen, die wider jede Vernunft immer grössere und treibstoffintensivere Panzerwagen kaufen.

Das Ziel, die CO2-Emissionen des Strassenverkehrs bis 2020 um 10 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, kann nicht mehr erreicht werden. Seit 2015 dürfen Personen-Neuwagen gemäss den CO2-Emissionsvorschriften des Energiegesetzes theoretisch nur noch 130 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen, ab 2020 sind es gar nur noch 95 Gramm. (Die zahlreichen Schlupflöcher hat klimanews.ch am 30. Januar und 21. August bereits ausführlich dokumentiert.) Das scheint den Autokäufern aber völlig egal zu sein: Im Durchschnitt emittieren die in diesem Jahr neu zugelassenen Personenwagen 139,6 Gramm, das sind 2 Gramm mehr als 2018 und 5 Gramm mehr als 2016. Diese Zahlen mögen lächerlich klein erscheinen, aber: Bei bescheiden gerechnet 12’000 Fahrkilometern pro Jahr und Fahrzeug sind das immerhin insgesamt rund 34’000 Tonnen CO2 mehr als der Grenzwert erlaubt, allein bei den Neuwagen.)

Jeder Zweite braucht einen Panzerkreuzer

Die Ursache für diese Zunahme kann man jederzeit auf unseren Strassen sehen: Mehr als jeder zweite Neuwagen ist ein überschweres Fahrzeug mit Allrad­antrieb. Demgegenüber ist die Anzahl der Elektroautos immer noch eine eher vernachlässigbare Grösse: Von den insgesamt 226’300 von Januar bis September neu zugelassenen PKW sind gerade mal 5 Prozent Elektrofahrzeuge, nämlich 8’831 rein batteriegetriebene und 2’377 Hybridfahrzeuge mit Lademöglichkeit.

Ein weiterer Grund für die „Zunahme“ des CO2-Ausstosses schreibt Stefan Häne im Tages-Anzeiger, ist das neue Testverfahren WLTP, das seit zwei Jahren europaweit angewendet wird und den CO2-Ausstoss der Fahrzeuge unter realistischeren Bedingungen messen soll. (Das bedeutet allerdings lediglich, dass der CO2-Ausstoss bisher in vielen Fällen zu tief berechnet wurde.) Und: Seit dem Dieselskandal sind die Verkäufe von Dieselfahrzeuge die im Vergleich zu Benzinern weniger CO2 ausstossen, deutlich zurückgegangen.

Die Autoimporteure werben für E-Mobile, um mehr SUV verkaufen zu können

Für die Autoimporteure bedeuten die zu hohen Grenzwerte, dass sie Strafsteuern zahlen müssen. Diese beliefen sich im vergangenen Jahr auf insgesamt rund 31 Millionen; dieses Jahr dürften etwas höher liegen. Doch: So heftig sich die Autoimporteure beklagen und darauf drängen, dass alle bisherigen Schlupflöcher und Berechnungstricks auch weiterhin in Kraft bleiben, halten sich die Strafzahlungen doch in einem recht bescheidenen Rahmen; sie machen im Durchschnitt pro verkauftem Neuwagen gerade etwas mehr als 100 Franken aus. Überdies können die Autoimporteure den Durchschnittsgrenzwert ihrer Flotten durch den Verkauf von E-Mobilen statistisch senken, wobei die E-Mobile bis 2022 gleich mehrfach angerechnet werden.

Deshalb will Auto Schweiz, der Branchenverband der Autoimporteure, mit seiner Aktion „10/20“ den Verkauf von Elektroautos im kommenden Jahr 2020 auf 10 Prozent verdoppeln. Dazu haben die Autoverkäufer tatsächlich zwei, drei winzigkleine Kampagnen lanciert, die überwiegende Anzahl von Inseraten, Plakaten Beilagen wirbt allerdings immer noch für die treibstoffintensivsten Karren.

Ob die Strafzahlungen aufgrund der tieferen Grenzwerte ab dem kommenden Jahr tatsächlich auf 200 bis 300 Millionen Franken ansteigen werden, wie der Branchenverband Auto Schweiz behauptet, hängt auch davon ab, ob die Autoverkäufer ihren Kunden vom Kauf von unsinnig überdimensionierten Geländewagen abzuraten, deren Margen wesentlich höher sind als diejenige der „normalen“ Benziner oder Dieselfahrzeuge. Und es hängt vor allem davon ab, ob die Schweizer Autokäufer endlich zur Einsicht kommen, dass es eigentlich keinen vernünftigen Grund gibt, einen Ein Geländewagen oder Panzerkreuzer zu kaufen. Immerhin zeigt das Verhalten der SUV-Fahrer unmisssverständlich: Ihnen ist das Klima egal

Um ihrer Einsicht ein wenig nachzuhelfen, wäre es sinnvoller, anstatt einer (leicht verschmerzbaren) einmaligen Busse beim Kauf solcher Fahrzeuge, die jährliche Fahrzeugsteuer an den CO2-Ausstoss zu koppeln und von Jahr zu Jahr so anzuheben, bis auch der private Autoverkehr die vorgegebenen Reduktionsziele erreicht.

Mitleid mit den attackierten PS-Protzern

Offenbar ist man aber auch auf der Tamedia-Redaktion der Ansicht, dass Egoismus vor der viel gepriesenen Eigenverantwortung und Protzerei vor Vernunft Vorrang haben soll und die Autofahrer-Freiheit unzulässig beschnitten würde, wenn solche Fahrzeuge kräftig besteuert oder halt verboten würden. Wie sonst ist es zu erklären, dass in einigen Tamedia-Blättern innert nur drei Tage gleich drei ausführliche und sehr einfühlsame Artikel erschienen, die das Loblied von Porsche, BMW, Maserati und anderen Luxusboliden sangen, Poerträts über zwei junge Zürcher Garagisten, die Tränen in den Augen hatten, als sie ihren ersten Maserati kauften, über den Tiroler Sozialdemokrat Georg Hornauer, der für soziale Gerechtigkeit einsteht, aber nicht verstehen kann, was es andere angeht, dass er einen Porsche fährt. Und schliesslich über einen Auto-Tuner aus Nordrhein-Westfalen, der die Facebook-Gruppe «Fridays for Hubraum» gegründet hat und findet, man könne durchaus „1000-PS-Autos fahren und sich gleichzeitig ernsthaft für Umweltschutz einsetzen“. 

Aber natürlich: Die Tamedia-Blätter leben gut von und mit den Autoimporteuren, denn immerhin trägt die Garagenbranche mit Inseraten, Beilagen, penetranter Werbung auf den diversen Online-Plattformen und einer höchst problematischen „redaktionellen“ Auto-Seite – die Seite wird von der Agentur Textlab geschrieben, ohne dass dies irgendwo vermerkt wäre – einige Millionen zum Betriebsgewinn bei. Dass die „unabhängige Schweizer Tageszeitung“, wie sie sich selber preist, deswegen dermassen vor den Autoverkäufern in die Knie geht, ist dennoch erstaunlich.