Vor drei Jahren war der Dezember in den Alpengebieten weitgehend grün. Im vergangenen Jahr fiel in den Alpen so viel Schnee wie schon lange nicht mehr. Und derzeit liegen wir irgendwo dazwischen.

Wohin also geht der Trend? Die Süddeutsche Zeitung zitiert den Grazer Klimaforscher Wolfgang Schöner: Für den Schnee sei eben gerade kennzeichnend, „dass die Änderung von einem aufs andere Jahr riesengroß sein“ könne. Im langfristigen Trend aber zeichne sich doch ein eindeutiges Bild ab: „Der Rückgang ist überall ziemlich robust.“ Schöner wertet zusammen mit dem Schweizer Schnee- und Lawinenforschungsinstitut in Davos Daten von rund 200 Wetterstationen in Österreich und der Schweiz seit 1961 aus.

Vor allem im Süden der Alpen geht die Schneemenge seit Jahrzehnten kontinuierlich zurück. In jedem Jahrzehnt liegt laut der Studie in den südlichen Alpen, wie in Kärnten oder der Steiermark, im Winter durchschnittlich zwölf Zentimeter weniger Schnee. Und: Je höher die Lagen, umso stärker war der Rückgang der Schneehöhe.

Wie sich die Anzahl der Schneetage in den vergangenen Jahrzehnten in der Schweiz entwickelt hat, hat der Schneeforscher Christoph Marty für den Tages-Anzeiger ausgezählt. Auch hier ein ähnliches Bild: Im Vergleich zum Zeitraum 1959 bis 1988 schneite es in den letzten 30 Jahren in allen Höhenlagen seltener. In hohen Lagen ab 1300 Meter gibt es heute ein Viertel weniger Schneetage, in mittleren Lagen 33 Prozent weniger und in tiefen Lagen nur noch halb so viele wie vor einem halben Jahrhundert.

Dass im Flachland kaum Schnee fällt, war nicht immer so, wie eine europaweite Studie der Universität Wageningen zeigt. Die Forscher werteten Daten von mehr als tausend Wetterstationen zwischen Irland und West-Russland, Norwegen und Kroatien seit 1951 aus – und bestätigen dabei die gefühlte Wahrheit, dass der Winter früher besser war. Neun von zehn Messstationen registrieren schrumpfende Schneemengen. Insgesamt, so haben die holländischen Forscher ermittelt, sinkt die durchschnittliche Schneehöhe in Europa jedes Jahrzehnt um zwölf Prozent.

Dass solche Daten den Wintersportorten nicht gefällt, leuchtet ein. Die Seilbahnwirtschaft Tirols hat deshalb eine eigene Studie in Auftrag gegeben, die, welch Zufall, zum im Voraus gewünschten Ergebnis kam: In den Tiroler Bergen hätten sich die Temperaturen in den letzten 30 Jahren kaum verändert. Die winterlichen Temperaturen seien sogar gefallen. Als der Klimatologe Wolfgang Gurgiser von der Uni Innsbruck die Studie unter die Luppe nahm, mussten die Seilbahner zugeben, dass innerhalb der letzten 123 Jahre die Temperaturen im Winter sehr wohl gestiegen sind, um satte 1,4 Grad – was dem globalen Trend entspricht.

Dennoch verbreiteten die Tiroler Touristiker weiterhin fleissig Optimismus. Der Klimawandel sei für den Wintersport halb so wild, mit Schneekanonen könne man gut gegensteuern. Aber auch da könnten sich viele hoffnungsfrohen Wintersportorte bös verrechnen. In den deutschenMittelgebirgen herrscht in vielen Speicherseen Ebbe, im Harz, in den Vogesen und im Schwarzwald haben Skiliftbetreiber deshalb Mühe, ihre Schneekanonen mit Wasser zu befüllen. Derzeit darf aus vielen Flüssen und Seen kein Wasser entnommen werden, weil die Pegel so niedrig stehen. Selbst in hochalpinen Lagen wird Wassermangel zum Problem. Ohne genügend Wasser können auch Schneekanonen nicht den Winter retten. Und wie die Wintersportorte grandiose Winterlandschaften vermarkten wollen, wenn sich faktisch nur ein paar schmale Pisten durch das schmutzige Graubraun der aperen Hänge schlängeln, möchte man sich lieber gar nicht vorstellen müssen.

Ein ganz schlechtes Bid der Zukunft zeichnen Klimaforscher von 20 verschiedenen Forschungsinstituten im Fachblatt Cryosphere. „Berge in Europa werden völlig anders aussehen“, schreiben sie, und: „Gletscher in niedrigen und mittleren Lagen werden verschwunden sein, selbst große Talgletscher werden einen starken Rückgang und Masseverlust hinter sich haben.“ Die Schneegrenze liege dann höher, die Schneesaison dauere viel kürzer als heute. (CR)