Was das Bundesamt für Energie (BfE) in seinem neuen Bericht „Energieperspektiven 2050+“ bestätigt, wissen wir natürlich seit längerem: Die Energiewende ist technisch möglich, Netto Null bis 2050 ist erreichbar, ohne dass die Schweiz zugrunde geht. Trotzdem ist es gut, dass wieder einmal daran erinnert wird, denn bald geht die Diskussion um die Totalrevision des Energie- und Strommarktgesetzes los. 

Hans-Rudolf Schalcher, der Leiter des Nationalen Forschungsprogramms „Energiewende“, sagte es schon im Januar dieses Jahres: „Der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und der Kernenergie ist technisch machbar, wirtschaftlich interessant und sozialverträglich möglich; wir müssen es nur wollen.“ Ähnlich steht es jetzt auch in den Energieperspektiven des BfE: „Die Schweiz kann ihre Energieversorgung bis 2050 klimaneutral umbauen: Sie wird sicher, sauber, schweizerisch und bezahlbar sein.“

Das im Bericht privilegierte Szenario „Basis Zero“ geht davon aus dass die fossilen Energieträger Gas und Öl – Kohle spielt in der Schweiz kaum eine Rolle – bis 2050 fast vollständig ersetzt werden, im Verkehr durch Elektrofahrzeuge, in den Haushalten durch Wärmepumpen und Fernwärme. In der Industrie und beim Verkehr  spielt vor allem die gesteigerte Energieeffizienz eine wesentliche Rolle – durch technische Verbesserungen kann mit gleichem Energie-Aufwand mehr produziert werden.

Insgesamt führt der Ersatz von Öl und Gas durch Strom zu einer um 24 Prozent erhöhten Nachfrage nach Strom. Diese soll zum grössten Teil sichergestellt werden durch  den Ausbau von inländischer erneuerbarer Energie, vor allem durch Fotovoltaik und dem weiteren Ausbau von grossen und kleinen Wasserkraftwerken, weniger durch Windenergie oder Biomasse. 

Die Anstrengungen müssten vervielfacht werden

Um diese Ziele zu erreichen, sind allerdings sehr grosse Anstrengungen notwendig: So müsste die Zahl der Wärmepumpen etwa von heute 300’000 auf 1.5 Millionen im Jahr 2050 zunehmen. Oder: Der Ausbau von Fotovoltaikanlagen müsste sich von heute 0.3 Gigawatt pro Jahr auf 1.5 Gigawatt verfünffachen. Zudem: Durch das Abschalten der Atomkraftwerke  wird sich das Problem vor allem im Winter verschärfen. Obwohl sich ein Teil durch den Ausbau der Fotovoltaik und durch Pumpspeicherkraftwerke kompensieren lässt, wird die Schweiz im Winter auch weiterhin auf Stromimporte angewiesen bleiben, allerdings, so die BfE-Experten, in durchaus vertretbarem Rahmen. 

2.4 Milliarden pro Jahr

Billig, auch das macht der BfE-Bericht klar, ist diese Energiewende allerdings nicht. Zu den ohnehin anfallenden Kosten für die Erneuerung der Infrastrukturen, der Gebäude und Anlagen von rund 1’400 Milliarden Franken bis 2050  kämen weitere 109 Milliarden für Energiewende und  14 zusätzliche Milliarden für deren Betrieb. Zählt man jene 50 Milliarden ab, welche der Import von Öl und Gas kostet, ergeben sich für die Erreichung einer klimaneutralen Schweiz  bis 2050 jährliche Mehrkosten von  rund 2.4 Milliarden Franken. 

Zusammengefasst: „Bei der Umsetzung der Energiestrategie 2050 sind wir heute auf Kurs“, zitiert Helmut Stalder in der NZZ  den BfE-Direktor Benoît Revaz, „aber wir können uns nicht zurücklehnen.“ Das ist eine sehr freundliche Interpretation des Berichts, denn wie sich die dringend notwendigen Anstrengungen in den nächsten paar Jahren verdoppeln, verdrei- oder vervierfachen lassen, ist eher rätselhaft.

Fragwürdige Annahmen

Der Bericht sei keine „Kristallkugel“, heisst es in dem Bericht. Das heisst, er liefere keine fixen Prognosen, sondern Szenarien, die an bestimmte Rahmenbedingungen gebunden seien. Und das ist auch die Krux dieses Berichts. Die Szenarien beruhen einerseits auf sechs Annahmen, von denen wir nicht wissen, ob und inwieweit sie zutreffen werden: Die Bevölkerung wächst bis 2050 von 8.6 Millionen auf rund 10 Millionen, also um rund 17 Prozent. Ebenfalls um 17 Prozent nehmen der Personenverkehr und die beheizten oder klimatisierten Gebäudeflächen zu. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) steigt gegenüber 2019 um rund 40 Prozent. Und schliesslich: Alle Vertragsparteien des Pariser Klimaabkommens, also auch Staaten wie China, die USA und Russland,  sind gleich ambitioniert wie die Schweiz.

Andererseits, und diese (im Bericht bloss beiläufig erwähnte) Annahme ist die weitaus wichtigste, von der letztlich alles abhängt, ist derzeit völlig unwahrscheinlich, nämlich dass das „Volk“ all diese notwendigen Massnahmen auch mittragen wird. So jedenfalls rechtfertigen fast alle Politikerinnen und Politiker von Rechts über Grün bis Links ihre Politik der kleinen Trippelschrittchen: Das Volk sei eben noch nicht so weit. Solange aber die Politikerinnen und Politiker aus Angst vor dem Volk wie beim CO2-Gesetz auf grosse Worte doch immer nur kleine Taten folgen lassen – und die Medien dazu gar noch applaudieren -, werden die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ihnen aus eigenem Antrieb wohl kaum Beine machen. So wird es bei allen Liebeserklärungen von seiten der grünen und angegrünten Politiker zuletzt wieder die Klimajugend sein müssen, die der Politik zuruft: „Was fällt euch eigentlich ein, unsere Zukunft zu verspielen!“ (CR)

Kleiner Nachtrag: Dass der Bund Millionen für Kampagnen ausgibt, um die Bevölkerung beim Kampf gegen Covid 19 „mitzunehmen“, ist richtig und sinnvoll. Dass er aber nicht die geringste Anstrengung unternimmt, die Bevölkerung über die Klimakatastrophe aufzuklären, obwohl diese noch viel grössere Schäden anrichten wird, dass sie diese Aufklärung den weitgehend desinteressierten und fachlich oft überforderten Medien überlässt, ist fahrlässig. Was nützt es, wenn eine überzeugende und wissenschaftlich fundierte, Bestandsaufnahme wie der 105seitige Bericht „Klimawandel in der Schweiz“ des Bundesamtes für Umwelt (BAFU), Meteo Schweiz und dem National Centre for Cilmate Services (NCCS)  nur als schwer zu findendes und für Laien kaum verständliches Online Dokument veröffentlicht wird? Warum macht man daraus nicht eine kurze, leicht verständliche Broschüre und verteilt diese in alle Haushaltungen, an allen Schulen oder legt sie allen Zeitungen bei? Volk mitnehmen!“ Wer das Volk „mitnehmen“ will, damit es die dringend notwendigen Massnahmen auch unterstützt und mitträgt, der muss auch etwas dafür tun.