Muss man das wirklich lesen? Manfred Roesch, Redaktor bei der Zeitschrift Finanz und Wirtschaft (FuW) und Mitglied der reaktionären Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft, zu deren Mitglieder auch Roger Köppel und der NZZ-Kulturchef Rene Scheu gehören, wütet auf TA-Online gegen alles, was auch nur im Entferntesten mit Klimaschutz zu tun haben könnte. „Droht bald ein Öko-Überwachungsstaat»?, fragt er und bejaht diese abstruse Frage mit einem offensichtlich völlig ernstgemeinten Furor, wie man ihn sonst nur von den legendären Schäfchen-Inseraten des SVP-Werbers Alexander Segert kennt.

Seine Schreckensvision ist eine Politik, die „alles tun will, um das Klima, somit uns zu retten“. Sein Todfeind ist der Staat, der sich um „die Erhaltung der Menschheit, ja deren Verewigung kümmert“. Die Erhaltung der Menschheit, so Röschs Tenor, geht den Staat nicht im Geringsten etwas an. Denn nichts ist so wichtig wie „individuelle Freiheit, demokratische Entscheidungsfindung, Marktwirtschaft, Wettbewerb und Eigentum“ Mit spürbarem Ekel schreibt Roesch über einen Staat, dessen „übergeordnetes, sakrosanktes Ziel“ es ist, „die menschliche Spezies muss überleben, coûte que coûte.“ (Wie und von wem denn alle diese wunderbaren Dinge geschützt und garantiert werden sollen, ist für Roesch offenbar kein Problem, vielleicht hat er ja auch bloss ein paar alte Wildwest-Filme zu viel angeschaut.)

Definitiv ist für Roesch eine Grenze überschrittene, wenn an Demonstrationen Spruchbänder zu sehen sind, die «System change – not climate change» fordern. Unerträglich für ihn der Verdacht, „dass manche nicht (nur) das Klima retten wollen, sondern massive Eingriffe in die bürgerlichen Freiheiten, die demokratischen Verfahren und die Marktwirtschaft gezielt anstreben.“ Das führe, so hyperventiliert Roesch, unweigerlich zu einem „Öko-Überwachungsstaat von Orwellschem Ausmass, in dem jeder Einkauf, jede Reise, jedes Steak auf die persönliche CO2-Bilanz angerechnet wird.“ An einer ähnlichen Schreckensvision hat seltsamerweise vor einigen Tagen schon ein anderer Tamedia-Redaktor gelitten.

Folgt man der etwas verwirrten Logik von Roeschs Argumenten, wird schnell einmal klar: Gerettet werden müssen nicht in erster Linie die Menschen, sondern die Freiheit und die Marktwirtschaft, selbst wenn dabei ein grosser Teil der Menschheit zugrunde geht. Zu was Freiheit und Marktwirtschaft dann noch gut sein sollen in einer dermassen verrotteten, unlebbaren Welt, darauf ist uns Manfred Roesch noch eine Antwort schuldig. In der Zwischenzeit wird die Mehrheit der Menschen in der Schweiz vermutlich lieber überleben als sich für Hayeks ordoliberale Freiheit auzuopfern, selbst wenn das bedeutet, dass die Freiheiten des Stärkeren und der grenzenlose Wettbewerb da und dort etwas eingeschränkt werden, um den brutalen und zynischen Darwinismus Roesch’scher Prägung im Zaun zu halten. (CR)

Offen bleibt übrigens auch die Frage, was um der Welt willen das Tamedia-Onlineportal dazu bewogen hat, diesen Hetzartikel ins Netz zu stellen. Meinung- und Pressefreiheit bedeuten ja nicht, dass eine Zeitung unbedingt verpflichtet ist, jeden Quatsch zu publizieren. Für solche Fälle eignet sich auch der Papierkorb.